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Mit kleinen Schritten in die Zukunft

Von Ängstlichkeit und Angsthunden


Mit kleinen Schritten in die Zukunft - Von Ängstlichkeit und Angsthunden

Retriever in Not e.V. / Liberty for Dogs liegen die ausgedienten Zuchthunde besonders am Herzen. Gerade bei diesen Hunden ist Angst häufig ein Thema. Die meisten von ihnen sind ängstlich, vorsichtig, zögerlich. Wenn sie jedoch in Ruhe ankommen durften, sich allmählich in ihrer neuen Umgebung auskennen und Vertrauen zu einer Bezugsperson aufgebaut haben, entwickelt sich ein Großteil zum normalen Familienhund.

Es kommt aber auch immer wieder vor, dass wir Angsthunde – Hunde mit einer schweren Verhaltensstörung auf Grund von Angst – übernehmen und vermitteln.

Angsthunde sind für Pflegestellen und auch für die Vermittler von Retriever in Not e.V. / Liberty for Dogs eine besondere Herausforderung, denn nicht jeder Interessent, der es gut mit ihnen meint, eignet sich auch als Halter für einen Angsthund.

Woher kommt die Angst?
Hunde, die auf einer Vermehrerfarmen geboren wurden, sind mit ganz anderen Voraussetzungen ins Leben gestartet:
Sie werden meistens viel zu früh von ihrer Mutter und den Geschwistern getrennt, es fehlt ihnen ein wichtiger Teil der frühen Sozialisation. In den ersten Lebenswochen erlebt ein Welpe eine besonders sensible Zeit, die so genannte Prägephase, in der er die Umwelt genau wahrnimmt und Erfahrungen sammelt, die er für sein ganzes Leben gebraucht. Alles, was er in dieser Zeit positiv oder neutral erlebt, ist für ihn Normalität. Was er nicht kennt, kann er später als Störfaktor wahrnehmen. Alles Ungewohnte und Neue löst dann das Gefühl Angst aus. Angst ist von Natur aus gewollt, sie ist überlebenswichtig. Daher erregen unbekannte Eindrücke die Aufmerksamkeit des Tieres als Schutzfunktion.
Ist ein Welpe von Artgenossen getrennt oder befindet sich dauerhaft in einer extrem reizarmen Umgebung, kann die entscheidende Prägephase empfindlich gestört werden.
In Vermehrerfarmen werden Welpen in der Regel früh von ihrer Mutter und auch den Geschwistern getrennt. Der Kontakt zu Artgenossen ist häufig unzureichend. Hinzu kommt, dass sie in Ställen oder Boxen leben und die Umwelt draußen kaum oder gar nicht kennen. Auch mit Menschen haben sie kaum Erfahrung.
Einige Hunde sind neugierig und offen für die neue Umwelt, wenn sie die Zuchtanlage verlassen. Andere wiederum sind in ihrer Angst gefangen, denn jeder neue Reiz ist ein enormer Stressfaktor.

Wie arbeiten die Pflegestellen mit Angsthunden? Das Beispiel Alisa
Zunächst einmal ist es wichtig, dass diese Hunde einen geschützten Platz bekommen, an denen sie Sicherheit spüren. Unser aktueller Angsthund-Notfall, die Beagledame Alisa, hat die ersten Wochen ihrer Pflegezeit fast ausschließlich in „ihrem“ Kennel verbracht. Nachts, wenn ihre Pflegefamilie schlief und es dunkel und somit reizarm war, traute sie sich heraus und hat allein ihre neue Umgebung erkundet. Erst dann war für sie Fressenszeit und sie löste sich auch gleich.

Sicherheit und Ruhe geben – aber auch den Kreis durchbrechen
Beagletypisch wird Alisa erst mutig, wenn sie etwas Essbares in Aussicht hat. Das hat ihr Pflegefrauchen genutzt und sich tagsüber in Ruhe neben den Kennel gesetzt und Alisa per Hand gefüttert.
Irgendwann war der Zeitpunkt gekommen, sie auch mal vorsichtig aus der Box zu nehmen, um sie auf dem Sofa zu streicheln. „Anfangs ist sie aufgeregt, aber nach einigen Minuten entspannt sie sich und genießt“, berichtete die Pflegestelle zu dieser Zeit.

So dauerte es gar nicht lange und Alisa kam von selbst aus ihrer Box. Zwar stets mit vorsichtigem Blick, aber sie traute sich mehr.

Teile der Prägephase nachholen
Die Prägephase kann nicht wirklich nachgeholt werden, dennoch gewöhnen sich Angsthunde in kleinen Schritten an die neue Situation mit ihren vielen Eindrücken.
Auch Alisa begann nach und nach, tagsüber ihr neues Leben zu genießen. Nach etwa sechs Wochen war es möglich, auch mal Besuch zu empfangen, ohne dass sie in Panik geriet. „Dazu durfte der Besuch Alisa allerdings nicht beachten“, betont die Pflegestelle. Somit müssen sich auch Gäste zunächst zurücknehmen, wenn der neue Hund eingezogen ist.

Erhöhte Fluchtgefahr
Alisa bewegt sich inzwischen frei im Haus der Pflegestelle. „Und trotzdem bekommt sie Panik und wir wissen nicht, was sie ausgelöst hat“, berichtet ihr Pflegefrauchen. Menschen können oftmals nicht jeden Reiz ausfindig machen, der bei einem Angsthund Panik auslöst. Angsthunde reagieren schnell mit Flucht, daher sollten sie

  • auch im Haus ein Sicherheitsgeschirr tragen
  • auch im gesicherten Garten mit Schleppleine laufen (so kann man im Fall einer Panik schnell eingreifen)
  • niemals die Möglichkeit bekommen, an eine geöffnete Haustür zu gelangen

Dies müssen Pflegestellen und auch Adoptivfamilien beherzigen.

Wer eignet sich als Adoptivfamilie?
Kurz gesagt: Menschen mit viel Ruhe und einem festen Tagesrhythmus. Mit zuverlässigen Strukturen finden sich Angsthunde mit der Zeit gut zurecht, dazu gehört übrigens auch die Gassistrecke. Wer gern neue Wege mit seinem Hund erkunden möchte oder gar häufig verreist, sollte sich eher einen unternehmungsfreudigen Vierbeiner auswählen. Angsthunde brauchen Sicherheit - und die erhalten sie vor allem durch tägliche Routine.
Kinder, sofern sie den Hund nicht bedrängen, sind dabei kein Hindernis. Dennoch sollten Familien bedenken, dass sicherlich auch mal Freunde der Kinder zu Besuch sind und es unruhig werden kann. Ein Angsthund erfüllt nicht die Erwartungen, die Kinder meist von einem vierbeinigen Freund haben, darüber muss man sich im Klaren sein.
Zudem muss zuverlässig gewährleistet sein, dass die Haus- oder Gartentür niemals von den Kindern selbständig geöffnet wird. Daher gehört eine gewisse Vernunft der Kinder zum Leben mit einem Angsthund dazu. Sie sollten in etwa schon das Grundschulalter erreicht haben.

Auch für die junge Beaglehündin Alisa wäre eine eigene Familie das Größte. In kleinen Schritten ist sie bereit, sich auf das große Abenteuer einlassen.
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